Ein neugeborenes Kind passt sich entgegen aller Hoffnungen nach der Geburt nicht immer  den neuen Umgebungsbedingungen adäquat an. Durch Geburtskomplikationen, Erkrankungen der Mutter oder des Kindes kann es passieren, dass Atmung und Blutwerte die entsprechenden Normwerte nicht erreichen und es dadurch zu einem Ungleichgewicht im sogenannten „Säure-Basen-Haushalt“ kommt. Im menschlichen Blut gibt es saure Stoffe, die einen Überschuss an Protonen haben und damit positiv geladen sind, sowie basische Stoffe, die einen Überschuss an Anionen haben und damit negativ geladen sind. Das Zusammenspiel dieser beiden Gruppen bestimmt den pH-Wert des Blutes. Der pH-Wert gibt an, ob eine Substanz eher einen sauren (pH<7), neutralen (pH=7) oder einen basischen (pH>7) Charakter hat. Als Azidose wird die Übersäuerung des Blutes bezeichnet, die ihre Ursache in der Atmung (respiratorische Azidose) oder im Stoffwechsel (metabolische Azidose) haben kann.

Diagnosestellung

Ist ein Kind geboren, stehen noch im Kreißsaal verschiedene Untersuchungen an. So wird beispielsweise die Atmung, Muskelaktivität, Hautfarbe und das Blut untersucht. Dieses wird nach der Geburt aus der Nabelschnurarterie des Kindes entnommen, anschließend erfolgt die sogenannte Blutgasanalyse mittels eines BGA-Readers. Bei der Blutgasanalyse werden die Gasverteilung von Sauerstoff und Kohlenstoffdioxid sowie der Säure-Basen-Haushalt und pH-Wert gemessen.

Mittels der sogenannten „Mikroblutanalyse“ kann heute auch schon während der Geburt Blut aus der Kopfschwarte des Kindes entnommen und für die Blutgasanalyse genutzt werden. Dies bietet sich an, wenn sich schon in vorangegangenen Untersuchungen ein Sauerstoffmangel des Kindes abzeichnete.

Der Normwert des Blutes eines Erwachsenen liegt bei einem pH-Wert zwischen 7,36 und 7,44. Bei einem Neugeborenen liegt der angestrebte pH-Wert bei mindestens 7,3. Ein bis zwei Stunden nach der Geburt ist aber auch ein pH-Wert von 7,2 noch als normal anzusehen. Bei pH-Werten zwischen 7,19 und 7,10 spricht man von einer leichten Azidose, bei Werten zwischen 7,09 und 7,0 von einer mittelschweren Azidose und bei einem Wert weniger als 7,0 von einer schweren Azidose.

Ursachen

Ursache für eine Azidose des Neugeborenen kann ein schwerer Sauerstoffmangel vor, während oder nach der Geburt sein. Der Fachbegriff für diese Erscheinung lautet Asphyxie, was wörtlich Pulslosigkeit bedeutet. Die Kinder haben nach der Geburt eine blaue bis grau-weiße Hautfarbe durch den bestehenden Sauerstoffmangel. Außerdem befindet sich in ihrem Blut zu viel Kohlenstoffdioxid. Das vermehrte Kohlenstoffdioxid, das nicht abgeatmet werden kann, führt durch chemische Reaktionen zu einer Verminderung des Verhältnisses von negativ geladenen Bestandteilen des Blutes zu dem sich im Blut befindenden Anteil des Kohlenstoffdioxids und damit zu einer Abnahme des pH-Wertes (Henderson-Hasselbalch-Gleichung), also einer Azidose.

Risikofaktoren während der Schwangerschaft für ein solches Geschehen können eine Herzinsuffizienz oder ein Schock der Mutter sowie ein Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit) sein. Auch Erkrankungen der kindlichen Lunge oder Infektionen des Kindes können schon während der Schwangerschaft dazu führen, dass das Kind zu wenig Sauerstoff erhält.

Ein Kaiserschnitt, eine abnorme Kindslage (beispielsweise die sogenannte Beckenendlage, bei der nicht der Kopf des Kindes sondern das Becken der führende Teil ist) oder ein Vorfall der Nabelschnur, sodass die Nabelschnur bei bereits gesprungener Fruchtblase vor dem führenden Kindsteil liegt, können während der Geburt zu einer verminderten Sauerstoffversorgung des Kindes führen. Ein Kaiserschnitt kann deshalb zu einer Minderversorgung mit Sauerstoff führen, weil sich in der Lunge des Kindes nach der Geburt noch Fruchtwasser, das bei einer vaginalen Geburt durch den Druck auf den Brustkorb heraus gepresst wird, befinden kann, das eine beschwerdefreie Atmung nicht immer ermöglicht.

Durch angeborene Fehlbildungen z.B. der Atemorgane oder des Herzens, die Atmung, Bluttransport und Gasaustausch erschweren, kann es auch nach der Geburt noch zu einem Sauerstoffmangel des Kindes kommen.

Behandlung

Primär gilt es, den Sauerstoffmangel auszugleichen, damit sich auch das Verhältnis der Blutgase und damit wieder der pH-Wert ändert. Dabei sollte darauf geachtet werden, dass dem Neugeborenen keine Wärme entzogen wird, da Kälte durch z.B. vermehrte Muskelaktivität zu einem erhöhten Sauerstoffverbrauch führt. Die Sauerstoffgabe kann je nach Grad des Asphyxie über eine Beatmung mit Hilfe einer Beatmungsmaske, über das Einführen eines Tubus (Hohlsonde) in die Luftröhre und damit verbundener Sicherung der Atemwege und externer Beatmung, ein Beatmungsgerät oder über einen Beatmungsbeutel erfolgen.

Um speziell die Azidose zu behandeln, ist es möglich eine Mischung aus Natriumbikarbonat  und Wasser zu verabreichen. Natriumbikarbonat ist im gelösten Zustand negativ geladen und kann die entstandenen Protonen auffangen. Damit sollte jedoch zurückhaltend umgegangen werden, da sie auch zu einer Erhöhung des gelösten Kohlenstoffdioxids führen können.

Allgemein sollten übersäuerte Neugeborene auf einer entsprechend ausgestatteten Station intensiv überwacht werden.

Quellen

  • Georg Löffler, Petro E. Petrides: Biochemie und Pathobiochemie. Springer Verlag, 2006, S. 947.
  • Sarah Gruber: BASICS Gynäkologie und Geburtshilfe. Urban&Fischer Verlag, 2012, S. 132.
  • Markus Stange, Frank Borrosch: Pädiatrie in Frage und Antwort. Urban&Fischer Verlag, 2014, S. 2.
  • Justina Mehringer: „Geburtshilfe – Kaiserschnitt – Geburtstermin nach Wunsch?“ 21.05.2015.
  • Friedrich Carl Sitzmann: Duale Reihe Pädiatrie. Georg Thieme Verlag, 2006, S. 80-82.