Juckreiz (Pruritus) ist eine unangenehme Sinneswahrnehmung der Haut, die das Verlangen nach Kratzen und Reiben auslöst und hunderte verschiedene Ursachen haben kann. So kann ein einfacher Insektenstich einen Juckreiz auslösen, aber auch ganzheitliche (systemische) Erkrankungen des Körpers wie zum Beispiel Nierenerkrankungen, Eisenmangel oder eine Infektion. Der Juckreiz kann sich so zum einen ständigen (chronischen) Begleiter entwickeln und für den Betroffenen zu einer starken Verminderung des Wohlempfindens führen. Doch auch eine Übersäuerung des Körpers (Azidose) kann mit der Entwicklung des Juckreizes in Verbindung stehen. Der nachfolgende Text soll Informationen über den Zusammenhang zwischen Übersäuerung und Juckreiz bieten und Behandlungsmöglichkeiten aufzeigen.

Medizinische Fakten

Bis in die neunziger Jahre existierte die Vorstellung, dass der Juckreiz ein unterschwelliger Schmerzreiz sei, welcher im Rahmen von anderen Grunderkrankungen auftrete. Heute wird angenommen, dass es sich beim Juckreiz um eine eigenständige, von Schmerzen unabhängige Sinneswahrnehmung handelt. Für den Schmerzreiz gibt es eigene Vermittler (Mediatoren), die für die Weiterleitung des Reizes sorgen, sowie Reizleitungsbahnen im Rückenmark (spinal) und Wahrnehmungsareale im Gehirn (zentral). Man kann den Juckreiz grob in zwei Arten unterteilen. Von einem Pruritus cum materia spricht man, wenn eine Hauterkrankung zugrunde liegt und von einem Pruritus sine materia, wenn der Juckreiz auf ursprünglich unveränderter Haut auftritt.

Die genaue Entstehung des Juckreizes ist noch nicht geklärt. Es wird angenommen, dass Juckreiz über eine mechanische, thermische oder chemische Reizung von C-Nervenfasern in der Haut ausgelöst wird. Bei diesen Nervenfasern handelt es sich um langsam leitende Nervenfasern (1 m/sec) ohne Markscheide (nicht myelinisiert). Die freien Nervenendigungen dieser Fasern dienen dann in der Haut als Schmerzsensoren (Nozizeptoren) und können durch einen direkten Reiz oder durch Vermittler (Mediatoren) erregt werden. Zu diesen Vermittlerstoffen zählen zum Beispiel Histamin oder Serotonin. Über die Nervenfasern gelangt der Reiz dann über das Rückenmarkshinterhorn und den größten Teil des Zwischenhirns, den Thalamus, in die Großhirnrinde.

Auslöser für einen Juckreiz können Infektionen,  Lebererkrankungen oder auch psychische Erkrankungen sein. Doch auch im Rahmen eines Nierenversagens (Insuffizienz) ist der Juckreiz ein typisches Symptom. Ein häufiges Symptom bei Nierenversagen ist auch die Übersäuerung (Azidose) des Körpers. Der pH-Wert im menschlichen Körper wird über verschiedene Puffersysteme sehr eng reguliert und liegt physiologisch zwischen 7,36 und 7,44. [8-9] Ab einem pH-Wert <7,36 spricht man von einer Azidose. Dabei unterscheidet man eine Azidose, die durch Störungen in der Atmung ausgelöst wird (respiratorische Azidose) von einer durch Stoffwechselstörungen ausgelösten Azidose (metabolische Azidose).

Die Diagnose einer Azidose ist mittels einer Blutgasanalyse zu stellen. Dabei betrachtet man den pH-Wert sowie die Gasverteilung von Sauerstoff und Kohlendioxid. Eine Unterscheidung zwischen atmungsbedingter und stoffwechselbedingter Azidose zeigen die Bikarbonatwerte und der Kohlendioxid-Partialdruck im Blut. Eine Übersäuerung kann auch durch eine Messung des Urin-pH nachgewiesen werden. Die Niereninsuffizienz kann zu einer metabolischen Azidose führen, wodurch es auch zu einer Entgleisung im Mineralhaushalt kommt. Da die Niere nicht mehr effizient arbeitet, kommt es unter anderem zu einer Reduktion der Phosphatausscheidung. Diese kann sich dann mit Calcium zum schwer löslichen Calciumphosphat verbinden und wird in Gelenken (Arthritis) und der Haut abgelagert und kann dort zum Juckreiz führen. Doch auch im Rahmen einer säurereichen Ernährung, der vermehrten Bildung von Säuren durch Grunderkrankungen wie Gicht oder Hypertonie und der verringerten Ausscheidung durch eine Erkrankung der Lunge kann es zu einer Übersäuerung des Körpers kommen.

Auf der anderen Seite ist eine ausreichende Zufuhr von Basen wichtig, um den pH-Wert regulieren zu können, welcher für einen gesunden Stoffwechsel von Bedeutung ist. Um den pH- Wert konstant zu halten, gibt es verschiedene Puffersysteme, welche entsprechend der Säure- bzw. Basenbelastung hinzukommende Protonen (H+-Ionen) bzw. Hydroxidionen (OH–Ionen) binden und neutralisieren. Symptome einer Übersäuerung können außerdem Müdigkeit, Mundgeruch und eine Änderung der Atmung sein. Oft ist sie aber Ausdruck eines Grundleidens und zeigt keine spezifischen Symptome.

Behandlung

Ziel der Behandlung ist die Diagnose und die damit verbundene Behebung der Grunderkrankung. Entsteht ein Juckreiz im Rahmen einer Azidose durch eine Aufnahme von vermehrt säurehaltigen Nahrungsmitteln ist es ratsam, die Ernährung auf 80% Basenbildner, 20% Säurebildner umzustellen. Zu den Basenbildnern gehören Obst, Gemüse, Kürbiskerne oder Mandeln und zu den Säurebildnern Fleisch, Kaffee, Teigwaren aus Weizenmehl oder Milchprodukte. Außerdem ist es wichtig, ausreichend Flüssigkeit zu sich zu nehmen, um die Ausscheidungsfunktion der Nieren anzuregen.

Entsteht ein Juckreiz zum Beispiel im Rahmen einer Azidose bei Niereninsuffizienz gilt es, diese Grunderkrankung zu erkennen und ihren Schweregrad einzuschätzen. Es sollte mit einem Arzt über die geeignete Nierenersatztherapie oder die Optimierung einer bereits begonnenen Dialysetherapie gesprochen werden. Bei chronischer Niereninsuffizienz ist die Substitution von Bicarbonat sinnvoll, um die überschüssigen Protonen abzupuffern. Entsteht der Juckreiz durch einen schlecht eingestellten Blutzucker und eine daraus resultierenden diabetischen Ketoazidose (Stoffwechselentgleisung durch Insulinmangel) steht die Behandlung mit Insulin im Vordergrund.

Neben der Behandlung der Grunderkrankung ist es allerdings auch möglich, den Juckreiz direkt zu behandeln. Insgesamt kann es Linderung verschaffen, die Haut mit kühlenden Cremes oder Salben einzureiben, wobei es wichtig ist, die Salbe dem aktuellen Hautzustand anzupassen. Da das Bedürfnis zu kratzen oft das größte Problem darstellt, kann es nützlich sein, den Kratzreflex auf ein Kratzkissen oder die Bettdecke umzuleiten. Auch kurze Fingernägel schützen vor tiefen Verletzungen durch das Kratzen und bei nächtlichem Kratzbedürfnis kann das Tragen von Handschuhen Abhilfe verschaffen. Es sollte allerdings mit einem Hautarzt über die passende Therapie gesprochen werden.

Zu beachten

Es gibt unzählige Ursachen für einen Juckreiz. Die Übersäuerung kann eine der möglichen Ursachen darstellen, doch auch für diese gibt es viele Entstehungswege. Deshalb ist es bei unklarem Juckreiz, bei anderen auftretenden Symptomen wie Müdigkeit oder psychischen Problemen, aber auch bei einem neu auftretenden Juckreiz bei einer bereits bekannten Erkrankung ratsam, einen Arzt aufzusuchen. Oft liegt eine Grunderkrankung vor. Wird diese behandelt, verschwindet auch der Juckreiz. Eine unbehandelte Übersäuerung des Körpers kann zu einer vermehrten Kaliumkonzentration (Hyperkaliämie) und darausvresultierenden Herzrhythmusstörungen führen. Auf der anderen Seite ist es wichtig, einen zu schnellen Ausgleich der Übersäuerung zu vermeiden, da es so zu einem Mangel an Kalium (Hypokaliämie) kommen kann. Bei der Therapie der stoffwechselbedingten Azidose mit Bicarbonat sind magenverträgliche Präparate zu bevorzugen, die die Wirkung der Magensäure nicht beeinträchtigen.

Quellen