Hinsichtlich der Übersäuerung und ihrer möglichen Auswirkungen existieren verschieden Sichtweisen. Begrenzt sich der Schulmediziner meist auf den Begriff der manifesten, also sichtbaren Übersäuerung des Blutes mit einem Blut-pH Wert von über 7,45 (Azidose), unterscheidet der naturheilkundlich orientierte Therapeut davon meist noch die latente, das heißt versteckte und nicht auf den ersten Blick sichtbare Übersäuerung. Hierbei wird aus Sicht der Naturheilkunde die latente Übersäuerung meist in Zusammenhang mit dem Auftreten von chronischer Müdigkeit gesehen. Macht eine solch latente Übersäuerung wirklich müde? Der Klärung des Sachverhaltes soll der folgende Text dienen.

Medizinische Fakten

Die latente Übersäuerung

Der menschliche Körper ist auf Säuren angewiesen. Zahlreiche essentielle Stoffwechselvorgänge sind ohne deren Vorhandensein undenkbar. Viele Säuren im menschlichen Körper fallen jedoch als Abfallprodukte an und müssen vom Organismus durch basische Elemente gepuffert und ausgeschieden werden. Darüber wacht das komplexe System des menschlichen Säure-Basen-Haushaltes unter Wahrung eines sensiblen Gleichgewichtes, dessen Störungen lebensbedrohliche Folgen haben kann. Bei einer manifesten Azidose nimmt die Säurelast im Blut zu, was mittels eines einfachen Bluttestes zu bestimmen ist. Beim naturheilkundlichen Konzept der latenten Übersäuerung wird hingegen ein Anstieg des Säuregehalts im Zwischenzellraum und im Zelleninneren angenommen, während er sich im Blut noch im Normbereich befindet. Einen direkten Test, der eine solche latente Übersäuerung einwandfrei nachweisen kann, existiert jedoch nicht. Gebräuchliche Untersuchungen wie die Verfahren nach Sander oder Jörgensen lassen nur indirekt auf eine latente Übersäuerung schließen.

Anhaltende Müdigkeit als Symptom der latenten Übersäuerung

Der Begriff der latenten Übersäuerung dient in erster Linie als Erklärungsmodell: Eine ungesunde Lebensweise, falsche Ernährung aber auch starke Medikamente wie zum Beispiel die Chemotherapien führen demnach zu einem dauerhaften Anstieg der Säuren innerhalb und außerhalb der Zellen und somit zu einer Einschränkung von deren Funktion, deren Entgiftung und Versorgung. Aus dieser Belastung auf zellulärer Ebene kann ein komplexes Beschwerdebild unklarer Symptome entstehen, deren zentrales Element die chronische Müdigkeit darstellen kann.

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Diese chronische Müdigkeit – nicht zu verwechseln mit dem neurologisch- immunologischen Erkrankungsbild des sogenannten chronischen Müdigkeitssyndroms oder Chronic Fatigue Syndroms, ICD -10 G93.3 – ist somit ein Ausdruck eines Energiemangels, der durch die latente Übersäuerung bedingte eingeschränkte Zellfunktion entsteht. Die chronische Müdigkeit kann in diesem Zusammenhang mit depressiver Verstimmung, Glieder- und Muskelschmerzen, Schlafstörungen und auch Verdauungsbeschwerden auftreten. Statt sie als harmlose Befindlichkeitsstörung anzusehen, kommt der chronischen Müdigkeit in der naturheilkundlichen Sichtweise die Bedeutung als „Frühwarnsystem“ zu: Als erstes Anzeichen einer chronischen Belastung wie der latenten Übersäuerung zeigt sie, dass die Kompensationsmechanismen des Organismus erschöpft sind und unter Umständen der Ausbruch einer chronischen Erkrankung bevorstehen kann.

Wer aufgrund einer latenten Übersäuerung ständig müde ist, kann dieser mit einfachen Maßnahmen entgegenwirken.

Behandlung

Eine sogenannte „säurebetonte“ Lebensweise fördert die Entstehung einer latenten Übersäuerung und der chronischen Müdigkeit. Hierzu zählen: Wenig Bewegung, viel Stress, häufiger Verzehr von tierischem Eiweiß und der Genuss von Alkohol und Zigaretten. Eine Änderung der Lebensweise unter Berücksichtigung der folgenden Tipps kann dazu beitragen, einer durch eine latente Übersäuerung bedingte Müdigkeit vorzubeugen oder diese zu behandeln. Erste Erfolge können sich schnell einstellen: Eine bleierne Müdigkeit kann innerhalb von Wochen einer gesunden und vitalen Leistungsbereitschaft weichen.

  • Bewegung: Ausreichende Bewegung und sportliche Betätigung bewirken eine Erhöhung des Stoffwechsels. Zusätzlich sorgt eine vertiefte Atmung dafür, dass etwaige Säureüberschüsse mit der Atemluft abgeatmet werden können. Die Säureausscheidung der Haut wird hingegen beim Schwitzen verstärkt. Auch ein Saunagang kann hierzu beitragen.
  • Ernährungsumstellung: Eine Umstellung auf eine basen- und mineralstoffreiche Ernährung erhöht die Fähigkeit des Körpers, Säuren abzupuffern. Hier reicht es, den Anteil an säurebildenden Nahrungsmitteln wie Alkohol, Zucker und tierischen Eiweißen zu Gunsten von Gemüse, Obst und Trockenfrüchten zu reduzieren. Mineralien sind die natürlichen Säurepuffer: Eine Kur mit mineralreichen Basenpulvern kann den Effekt der Ernährungsumstellung verstärken.
  • Fastenkuren: Untersuchungen zeigen, dass schon kurzzeitges Fasten bei gleichzeitiger Gabe von Basensalzen die Säurebelastung des Gewebes und die Müdigkeit positiv beeinflussen kann.
  • Entspannung: Dauerstress macht sauer! Ausreichend und erholsamer Schlaf sowie ein gesunder Biorhythmus sorgen für den notwendigen Ausgleich. Entspannungstechniken wie Yoga und Meditation senken die innere Anspannung und sorgen für eine verbesserte Stressbewältigung.
  • Ausreichende Trinkmenge: Die meiste Säure verlässt den Körper über die Nieren. Eine ausreichende Trinkmenge bestehend aus Wasser, Kräutertees und verdünnten Obstsäften regt die Tätigkeit der Nieren an.

Zu beachten

Müdigkeit kann in seltenen Fällen auch ein Symptom einer ernsten Erkrankung sein, bei der eine Umstellung der Lebensgewohnheit nicht ausreicht. Wer eine abnorme Energielosigkeit verspürt, ist gut damit beraten, diese fachärztlich abklären zu lassen. Der Arzt kann sich über eine einfache Blutuntersuchung ein orientierendes Bild von den Funktionen der Organe und des hormonellen Systems machen.

Eine manifesten Azidose, bei der der pH- Wert des Blutes unter den Normbereich absinkt, stellt unter Umständen einen lebensbedrohlichen Zustand dar und kann zum Beispiel im Rahmen einer Niereninsuffizienz, einer Atemstörung oder einer diabetischen Erkrankung auftreten. Alle diese Krankheitsbilder sind dringend von einem Facharzt zu therapieren und regelmäßig zu überwachen.

Nicht alle hier aufgezählten Hinweise sind für jedermann bekömmlich: Besonders für Maßnahmen wie Sport, Sauna und Fastenkur muss eine ausreichende körperliche Belastbarkeit vorliegen. Diese kann im Zweifelsfall ebenfalls ein Arzt attestieren. ​

Quellen

  • Universität Frankfurt/ Institut für Allgemeinmedizin, „Säure-Basen-Analyse im Rahmen der orthomolekularen Medizin“ , http://www.allgemeinmedizin.uni-frankfurt.de/lit/igel_saeure_helfer.pdf, 03.03.2015
  • Herold Manfred: Kann Übersäuerung laborchemisch gemessen werden?. In Marktl W, Reiter B, Ekmekcioglu C (Hrsg.).: Säure – Basen – Schlacken. Springer Verlag, 2007, S. 57-61
  • Sander Friedrich: Der Säure-Basenhaushalt des menschlichen Organismus. Georg Thieme Verlag, 1999, S. 98-116
  • Karl Josef: Neue Therapiekonzepte für die Praxis der Naturheilkunde. Pflaum Verlag München, 1995, S. 24-27
  • Michalsen A, Weidenhammer W, Melchart D, Langhorst J, Saha J, Dobos G,
    „Short-term therapeutic fasting in the treatment of chronic pain and fatigue
    syndromes–well-being and side effects with and without mineral supplements.“
    Forschende Komplementärmedizin und klassische Naturheilkunde, 2002 9(4), S. 221-227