Das wichtigste puffernde Organ ist die Niere. Daher führt eine Minderfunktion dieses Organs zwangsläufig zu einem Säureüberschuss im Körper.

Eine „Nierenschwäche“ wird medizinisch als Niereninsuffizienz bezeichnet. Die Nieren sind bei diesem Krankheitsbild nicht mehr in der Lage, Giftstoffe in der notwendigen Menge auszuscheiden. Die Ursache einer Niereninsuffizienz können Erkrankungen wie Diabetes, Bluthochdruck aber auch Vergiftungen sein. Bei der schlimmsten Form, dem Nierenversagen, wird der Patient dialysepflichtig. In Deutschland sind derzeit etwa 70.000 Patienten in einer Dialysebehandlung.

Diabetische Nepropathie

Etwa 20 bis 30 Prozent aller Patienten mit Diabetes mellitus entwickeln eine diabetische Nephropathie. Darunter versteht man nicht-entzündliche Erkrankungen der Niere. Auch bei einer gesunden Niere nimmt die Funktion (ab dem 30. Lebensjahr) altersbedingt ab: Pro Dekade sinkt sie um etwa zehn Prozent. Damit verliert die Niere auch an Kapazität, Säure über den Urin auszuscheiden und die Gefahr einer latenten Azidose steigt. Diese wiederum mindert die Nierenleistung – ein Teufelskreis.

Den Kaliumwert im Auge behalten

Die diabetische Nephropathie ist neben der vaskulären Form der Erkrankung die häufigste Nierenerkrankung in den Industrienationen. Aktuell haben 34 Prozent der neu erfassten Dialysepatienten eine Nephropathie, so der „Bundesverband Niere“. Besonders die Parameter pH-Wert und Kaliumkonzentration bestimmen das Fortschreiten und die Symptomatik. Präparate und Dosierung zur Azidosenkorrektur sollten deshalb mit dem behandelnden Arzt abgesprochen werden.

Natriumhaltige Basentherapeutika als Alternative?

Durch die Niereninsuffizienz kann der Blutdruck steigen, deshalb stellt sich die Frage, ob Natriumsalze die bessere Alternative sind. Dies wurde in einer Humanstudie an 134 Patienten mit chronischem Nierenversagen von De Bristo Ashurt dokumentiert. Die Patienten erhielten entweder 3 x 600 mg Natriumbicarbonat pro Tag oder eine Standardtherapie. Nach dem 2-jährigen Beobachtungszeitraum konnte gezeigt werden, dass die Gabe von Bicarbonat das Fortschreiten einer Niereninsuffizienz verlangsamt und damit die Gefahr eines Nierenversagens minimiert wurde. Auf den Blutdruck hatte die Natriumbicarbonat-Einnahme im Vergleich zur Kontrollgruppe keinen negativen Einfluss.

Natrium nur im Kochsalz kritisch

Die KDIGO-Leitlinien 2012 (Kidney Disease Improving Global Outcomes) nehmen auf diese Studie Bezug und geben für Natriumbicarbonat hinsichtlich einer Blutdrucksteigerung, Ödembildung und einem Medikamentenmehrverbrauch Entwarnung.

In einer Studie von Kotchen et al. wird darauf hingewiesen, dass nur die Kombination aus Natrium und Chlorid einen Einfluss auf bestimmte Blutdruckerkrankungen hat. Nicht das Ion Natrium ist für eine Wassereinlagerung und eine Drucksteigerung verantwortlich, sondern die Kombination mit dem Chlorid-Ion, also als Natriumchlorid. Eine Studie von Luft et al. mit jeweils zehn Patienten mit und ohne Hypertonie fand gar einen blutdrucksenkenden Effekt von Natriumbicarbonat.

Ist ein Nierenschutz möglich?

Ein konsequenter Azidoseausgleich hat einen positiven Einfluss auf den Eiweißstoffwechsel, die Harnsäure und mehrere Hormone. Auf diese Weise wird die Achse Niere und Knochen geschützt. Gerade für Patienten mit Niereninsuffizienz ist eine Basentherapie sinnvoll. Damit Substanzen wie Natriumbicarbonat aber den pH-Wert in Blut und Gewebe und nicht im Magen beeinflussen, müssen die eingenommenen Tabletten zwingend magensaftresistent sein. Die Studie von de Brito-Ashurst et al. zeigt, dass eine Bicarbonat-Gabe das Voranschreiten der Niereninsuffizienz hin zum Nierenversagen verlangsamt und den Ernährungszustand der Patienten mit chronischer Niereninsuffizienz verbessert. Auch weil eine Niereninsuffizienz eine schwerwiegende Erkrankung ist, sollen die Patienten vor der Einnahme von Basentherapeutika ihren Arzt befragen. Für das Anwendungsgebiet der Niereninsuffizienz sind erstattungsfähige kaliumfreie bicarbonathaltige Arzneimittel auf dem Markt.

Gemüsesäfte zur Basentherapie bei Nierenschwäche ungeeignet

Besonders in der Laienliteratur wird geraten, zur Basentherapie Gemüsesäfte einzusetzen. Für gesunde Menschen ist dies auch unbedenklich. In Bezug auf Nierenerkrankte kann jedoch der Kaliumgehalt von Gemüsesäften bedenklich sein.  Nimmt man doch mit jedem Liter Gemüsesaft bis zu 6000 (!) mg Kalium auf.

Gemüsezubereitung Kaliumgehalt pro 100 g
Karottensaft

270 mg

Rote Rübe Saft

315 mg

Knollenselleriesaft

300 mg

Kohlrabitrunk

135 mg

Sauerkrautsaft

270 mg

Tomatensaft

220 mg

Gemüsemischsaft

>600 mg


„Daher ist die Therapie der Wahl, Patienten mit oralen magensaftresistenten Azidosetherapeutika einzustellen und langfristig konsequent zu behandeln. Dazu können die erstattungsfähigen Arzneimittel verwendet werden“
, so der Nephrologe Prof. Dr. Jürgen Kult im Fachtitel Dialyse aktuell.

Literatur:

  1. Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft: Calciumsupplementierung und kardiovaskuläres Risiko. Dtsch Ärztebl 107 (2010) A 1944
  2. Bastigkeit, M: Mikronährstoffe sinnvoll kombinieren, Maudrich Verlag, Österreich 2012
  3. Blumberg A, Weidmann P, Ferrari P. Effect of prolonged bicarbonate administration on plasma potassium in terminal renal failure. Kidney Int 1992; 41: 369±374
  4. Bolland MJ, Avenell A, Baron JA et al.: Effect of Calcium supplements on risk of myocardial infarction and cardiovascular events: meta-analysis. BMJ 2010; 341:c3691
  5. Bolland, M. J., et al., Calcium supplements with or without vitamin D and risk of cardiovascular events: reanalysis of the Women’s Health Initiative limited access dataset and meta-analysis. BMJ, 2011; 342: d2040
  6. de Brito-Ashurst I1, Varagunam M, Raftery MJ, Yaqoob MM. Bicarbonate supplementation slows progression of CKD and improves nutritional status. J Am Soc Nephrol. 2009 Sep;20(9):2075-84.
  7. Deutsche Gesellschaft für Ernährung, Österreichische Gesellschaft für Ernährung, Schweizerische Gesellschaft für Ernährungsforschung, Schweizerische Vereinigung für Ernährung (Hrsg.): Referenzwerte für die Nährstoffzufuhr. Neuer Umschau Buchverlag, Neustadt a. d. Weinstraße, 1. Auflage, 3. korrigierter Nachdruck (2008)
  8. DVO Leitlinie Osteoporose 2009: www.dv-osteologie.org/dvo_leitlinien/dvo-leitlinie-2009, Zugriff 10.11.2010
  9. Heinzl S: Mehr Myokardinfarkte durch Kalziumsupplemente? Dtsch Ärztebl 107 (2010) A 2048
  10. Institute of Medicine: Dietary reference intakes for calcium, phosphorus, magnesium, vitamin D, and fluoride. National Academy Press, Washington D.C. (1997)
  11. Jackson RD. et al. Calcium plus Vitamin D Supplementation and the Risk of Fractures. NEJM 2006; 354: 669-83
  12. Jacob LM: Sa¨ure-Basen- und Energie-Stoffwechsel gesunder und maligner Zellen. EHK 2008; 57: 336–344
  13. Jarmann PR, Kehely AM, Mather HM. Hyperkalaemia in diabetes: prevalence and associations. Postgrad Med J 1995; 71: 551±552
  14. Kärkkäinen MU, Lamberg-Allardt CJ, Ahonen S, Välimäki M: Does it make a difference how and when you take your calcium? The acute effects of calcium on calcium and bone metabolism. Am J Clin Nutr 74 (2001) 335–42
  15. 15. Kotchen. Dietary sodium and blood pressure: interactions with other nutrient. Am J Cli,) Nutr 1997:65(suppl):708S-l IS.
  16. 16. Luft FC1, Zemel MB, Sowers JA, Fineberg NS, Weinberger MH. Sodium bicarbonate and sodium chloride: effects on blood pressure and electrolyte homeostasis in normal and hypertensive man. J Hypertens. 1990 Jul;8(7):663-70.
  17. Matsushita K, et al.: Comparison of risk prediction using the CKD-EPI equation and the MDRD Study equation for estimated glomerular filtration rate. JAMA 2012; 307: 1941–51. MEDLINE
  18. Tan SY, Burton M. Hyporeninemic hypoaldosteronism. An overlooked cause of hyperkalemia. Arch Int Med 1981; 141: 30±33
  19. Zittermann A, Koerfer R: Protective and toxic effects of vitamin D on vascular calcification: Clinical implications. Mol Aspects Med 29 (2008) 423–32
  20. Zittermann A: The estimated benefits of vitamin D for Germany. Mol Nutr Food Res 54 (2010) 1164–71