Auf vielen wissenschaftlichen Gebieten existieren oft mehrere, teilweise höchst unterschiedliche Meinungen nebeneinander – in der Medizin ist das nicht anders. Im besonderen Fall gilt dies auch für die Diagnose einer chronisch latenten Azidose mithilfe einfacher chemischer Messverfahren.

Auf einen Blick

  • Eine einmalige pH-Messung im Urin ist für die Diagnose einer chronisch latenten Azidose zu ungenau. Weniger als 1% der Gesamtsäureausscheidung im Urin findet in Form von freien Säuren statt. Aber nur diese sind mit pH-Teststreifen messbar. Die restlichen 99% der über den Urin ausgeschiedenen Säuren werden in anderer Form ausgeschieden (v.a. als Ammoniumionen) und sind daher mit pH-Teststreifen nicht feststellbar.

Schulmedizin gegen Erfahrungsheilkunde

 

Eine latente Azidose ist ein Ungleichgewicht des Säuren-Basen-Haushaltes im gesamten Körper. Eine Übersäuerung kann isoliert im Magen auftreten, verursacht etwa durch Stress, Medikamente oder andere Faktoren. Auch der Urin kann durch Medikamente, Nahrungsmittel oder Erkrankungen sauer oder basisch reagieren. Allerdings sagt dies noch nichts über den ph-Wert des Gewebes, Serums, Blutes oder der Organe aus.

Genau in diesem Punkt ist sich die Forschung uneins. Die Konsequenz: Verschiedene Messmethoden beanspruchen das gleiche Ziel: Die Diagnose einer chronisch latenten Azidose. Dabei verfügen nicht alle Verfahren über hinreichende Aussagekraft.

Messung im Urin

Oft wird der pH-Wert im Urin gemessen. Ein pH-Messstreifen gibt dabei rasch Auskunft darüber, ob der Urin basisch oder sauer ist. Ein Rückschluss auf den Säurewert des Blutes und darauf, ob ein Patient „übersäuert“ ist, ist damit jedoch nicht möglich.

Jede Messung ist nur eine Momentaufnahme. Es wird dabei lediglich ermittelt, wie viel saure Substanzen beim letzten Wasserlassen aus dem Körper gespült wurden. Zudem ist der pH-Wert im Urin Tagesschwankungen unterworfen (pH 5,0 bis 8,0). Am Morgen, nach mehreren Stunden ohne Nahrungsaufnahme, liegt der pH-Wert meist bei rund 5,0 bis 6,0, also im leicht sauren Bereich. Auch die Ernährung beeinflusst den pH-Wert im Urin. Es lässt sich auch beweisen, dass vegetarische Ernährung tendenziell zu basischen, Fleischverzehr zu sauren pH-Werten führt. Die wahrscheinlich wichtigste Frage für den Patienten kann der Test jedoch nicht beantworten: Verfügt der Körper (noch) über ausreichend Pufferkapazitäten, um einem Säureüberschuss vorzubeugen?

Anzeige

Auch Eva Unterberger vom Verband der Ernährungswissenschafter Österreichs (VEÖ) kritisiert das angewandte Diagnosewerkzeug, die Messung des Harn-pH-Wertes: „Je nach Kostzusammenstellung liegt der pH-Wert des Harns zwischen 5 und 8, Harn ist also physiologischerweise sauer bis schwach basisch. Saurer Harn ist kein Hinweis auf eine Übersäuerung des Körpers, sondern Ausdruck dessen, wie gut die körpereigenen Eliminationssysteme funktionieren.“

Der wissenschaftliche Beirat der Nährstoff-Akademie Salzburg, der sich aus etwa 20 Experten aus verschiedenen europäischen Ländern zusammensetzt, berät Ärzte, Apotheker und Konsumenten. Er ist ebenfalls der Ansicht, dass sich der „Säure-Basen-Haushalt nicht ausschließlich über pH-Messungen oder über die Regelkreise der diversen Puffersysteme betrachten lässt. Dies wäre aus physiologischer Sicht nur ein Teilaspekt der komplexen Thematik.“

Über komplexe und exaktere Messverfahren können Sie sich hier informieren.

Literatur:

  1. Edwards S.L.: Pathophysiology of acid base balance: The theory practice relationship. Intensive Crit Care Nurs. 2007-08-26
  2. Jörgensen HH: Säure-Basen-Haushalt – Ein praxisnahes Meßverfahren zur Bestimmung der Pufferkapazität. „Erfahrungsheilkunde“ 5/1985, S. 372-377
  3. Laski M.E. Kurtzmann: Acid-base disorders in medicine; Dis Mon. 1996, Feb, 42 (2): 51-125
  4. Hyneck ML.: Simple acid base disorders; Am. J. Hosp. Pharm. 1985 Sep, 42(9): 1992-2004
  5. Remer T.: Influence of nutrition on acid-base balance – metabolic aspects. Eur. J. Nutr. 40(5): 214-220
  6. Goedecke T.: Latente Acidose: Übersäuerung als Ursache chronischer Erkrankungen. Schweiz. Zeitschrift Ganzheitsmedizin 2002; 14(2), 90-96
  7. Hiedermann, F., Rumler K., Erläuterungen zum Säure-Base-Haushalt und zum Verständnis der Sander-Methode. Hemotoxin-journal 1/1965
  8. Jörgensen, H.H.: Mit der Pufferkapazität steht und fällt die Leistung. In: Informationen zur Naturheilkunde. Sommer-Verlag, Teningen 1988
  9. Kern, B.: Von der Wichtigkeit des Säure-Basen-Gleichgewichtes; eine Frage von größter medizinischer Bedeutung. Sanum-Post 2/1988
  10. Vormann, J.: Harmonisch zum Säure-Basen-Gleichgewicht, 2003.
  11. Walker, AF, Marakis, G., Christie, S., Byng, M.: Mg citrate found more bioavailable than other Mg preparations in a randomised, double-blind study. Magnesium Research 16:183–191 (2003).