Übersäuerung (Azidose)

Bei einer Übersäuerung – auch genannt Azidose – ist der Säure-Basen-Haushalt des Körpers gestört, das heißt Säuren und Basen stehen nicht mehr im natürlichen Gleichgewicht zueinander.
Übersäuerung Azidose

Was ist eine Übersäuerung?

Der Gehalt an Säuren im Blut ist in diesem Fall erhöht, während die Menge an basischen Substanzen verringert ist. Als Säuren bezeichnet man grundsätzlich Stoffe, die in einer wässrigen Lösung Wasserstoffionen (Protonen) abgeben. Basen sind Stoffe, die hingegen Wasserstoffionen an sich binden. Aufschluss über den Säure-Basen-Haushalt gibt der pH-Wert. Er ist ein Maß für die Menge der freien Wasserstoffionen und spiegelt somit das Verhältnis der im Körper vorhandenen Säuren und Basen wieder. Bei einem gesunden Menschen liegt der pH-Wert des arteriellen Blutes bei etwa 7,4. Sinkt der Wert unter 7,37 liegt eine Übersäuerung vor, es sind also zu viele freie Wasserstoffionen im Blut vorhanden. Steigt der pH-Wert über 7,43 spricht man von einer Alkalose, also einem Basenüberschuss. Dabei enthält das Blut zu wenig freie Wasserstoffionen.

Wie reguliert der Körper den Säure-Basen-Haushalt?

Da ein konstanter pH-Wert im Blut für viele Stoffwechselvorgänge unerlässlich ist, können sowohl die Übersäuerung als auch die Alkalose schwerwiegende Folgen haben und sogar lebensbedrohlich werden. Deshalb verfügt der Körper über hochwirksame Puffersysteme, die überschüssige Wasserstoffionen normalerweise rasch abfangen, das natürliche Gleichgewicht wiederherstellen und so eine Übersäuerung verhindern. Das ist notwendig, da während des Stoffwechsels permanent neue Säuren und Basen im Körper gebildet werden. Zudem führen wir unserem Körper auch über die Nahrung regelmäßig saure und basische Substanzen zu, die das empfindliche Gleichgewicht ohne entsprechende Puffersysteme durcheinanderbringen würden.

Die beiden wichtigsten Systeme, die im Körper für einen ausgeglichenen Säure-Basen-Haushalt sorgen, sind das respiratorische und das metabolische System. Das respiratorische System, an dem als maßgebliches Organ die Lunge beteiligt ist, beeinflusst den Säure-Basen-Haushalt über die Atmung: Entsteht im Körper ein Säureüberschuss, das heißt zu viele freie Wasserstoff-Ionen, nimmt das im Blut enthaltene Bikarbonat (HCO3-) diese auf. Es zerfällt daraufhin zu Wasser und Kohlendioxid, das über die Lunge abgeatmet wird. Zentrales Organ des metabolischen Systems ist die Niere, die die Ausscheidung von Wasserstoffionen und Bicarbonat über den Urin steuert. Aber auch andere Organe wie Leber und Muskel sind an der metabolischen Regulation des pH-Wertes beteiligt. Unter bestimmten Umständen können die beiden Systeme jedoch versagen und eine Übersäuerung oder ein Säuredefizit im Körper auslösen.

Was sind die Ursachen für eine Azidose?

Eine Azidose kann entweder auf Störungen des respiratorischen Systems zurückzuführen sein (respiratorische Azidose) oder auf Störungen des metabolischen Systems (metabolische Azidose). Eine respiratorische Azidose entsteht durch eine zu langsame und oberflächliche Atmung (Atemdepression), die mit einer verminderten Ausscheidung von Kohlendioxid über die Lunge einhergeht. Wichtige Ursachen der respiratorischen Azidose sind zum Beispiel:

  • Lungenerkrankungen wie Asthma oder die chronisch obstruktive Lungenerkrankung (COPD)
  • Verletzungen des Brustkorbs, zum Beispiel instabile Rippenbrüche
  • bestimmte neurologische oder neuromuskuläre Erkrankungen, die zu einer Schwächung der Atemmuskulatur führen (zum Beispiel eine Muskeldystrophie)
  • Funktionsstörungen des Atemzentrums im Gehirn, durch die sich die Atemfrequenz verringert und die Atmung abflacht (zum Beispiel unter dem Einfluss verschiedener Schmerz- und Beruhigungsmittel)
  • ein vollständiger oder teilweiser Verschluss der Atemwege, zum Beispiel durch Fremdkörper oder Flüssigkeiten
  • eine falsch eingestellte maschinelle Beatmung bei Aufenthalten auf der Intensivstation

Eine metabolische Azidose kann entstehen, wenn dem Körper entweder zu viel Bikarbonat verloren geht oder sich zu viele Säuren im Organismus ansammeln. Das ist beispielsweise bei folgenden Erkrankungen und Zuständen der Fall:

  • Nierenversagen
  • Diabetes mellitus (diabetische Ketoazidose – eine Übersäuerung durch Ketone, die durch die schnelle Aufspaltung von Fetten entstehen)
  • extremen Hungerzuständen (Hungerketoazidose)
  • Vergiftungen (zum Beispiel mit der in Aspirin enthaltenen Acetylsalicylsäure, mit Polyetyhlenglykol in beispielsweise Enteisungsmitteln oder Methanol)
  • Alkoholismus
  • Starkem Flüssigkeitsmangel, zum Beispiel bei Durchfall
  • Krebs
  • Leberversagen
  • Blutvergiftung
  • extremer körperlicher Beanspruchung

Welche Symptome treten bei einer Übersäuerung auf?

Bei einer respiratorischen Azidose ist die Atemfrequenz herabgesetzt und die Atmung flach. Dadurch kann es zu einer Sauerstoffunterversorgung mit Blaufärbung der Lippen kommen, während sich zeitgleich Kohlendioxid im Blut anreichert. Betroffene leiden an Atemnot, haben häufig Schlafstörungen und fühlen sich tagsüber müde und erschöpft. Mit steigenden Kohlendioxidkonzentrationen im Blut wirken Menschen mit einer respiratorischen Azidose zunehmend verwirrt und schläfrig. In schweren Fällen kann dieser Zustand in ein Delirium oder Koma übergehen. Bei der metabolischen Azidose nehmen Atemfrequenz und -tiefe hingegen zu, da der Körper versucht, der Übersäuerung entgegenzuwirken, indem er vermehrt Kohlendioxid ausscheidet. Betroffene berichten häufig von Brustschmerzen, Herzstolpern, Kopfschmerzen, Verwirrtheit und allgemeiner Schwäche. Auch Übelkeit, Erbrechen und ein verminderter Appetit können Anzeichen für eine metabolische Azidose sein. Zudem wirken sich beide Formen der Übersäuerung auf den Kreislauf aus: Der Blutdruck fällt ab und es kann zu Herzrhythmusstörungen kommen. In schweren Fällen kann dies zu einem Schock, zu Bewusstlosigkeit und Koma bis hin zum Tod führen.

Mehr Artikel zum Thema Übersäuerung

Tipps: Was tun bei Übersäuerung?

Bei einer Azidose ist es zunächst wichtig, die Ursachen zu beseitigen. So lassen sich viele Lungenerkrankungen gut mit Medikamenten behandeln. Diabetes lässt sich mit Insulin und anderen Medikamenten in der Regel gut einstellen und eine mangelnde Nierenfunktion durch eine Dialyse ausgleichen. Bei einer Vergiftung ist es notwendig, die giftige Substanz aus dem Blut zu entfernen oder entsprechende Gegenmittel zu verabreichen.

Akute und schwere Symptome einer Azidose lassen sich durch die Zufuhr von Bikarbonat über die Vene unter Kontrolle bringen. Da diese Therapie allerdings nicht an den Ursachen der Erkrankung ansetzt, ist die Besserung nur vorübergehend. Die anschließende Behandlung der Grunderkrankung ist also weiterhin unerlässlich.

Eine Azidose kann sich schleichend entwickeln, aber auch akut zu lebensbedrohlichen Symptomen führen. Menschen mit entsprechenden Grunderkrankungen sollten deshalb genau auf die möglichen Anzeichen einer Azidose achten und im Verdachtsfall ärztliche Hilfe suchen oder bei akuten Symptomen den Notruf wählen.

Eine gesunde Lebensweise mit einer ausgewogenen Ernährung, mäßigem Alkoholkonsum und regelmäßiger Bewegung sind grundsätzlich für alle Menschen ratsam. In manchen Fällen kann eine Ernährung mit bestimmten Lebensmitteln – wie zum Beispiel Fleisch – mit einer erhöhten Säurebelastung des Körpers einhergehen. Der Verzehr solcher Lebensmittel allein löst bei gesunden Kindern und Erwachsenen in der Regel aber keine symptomatische Azidose aus. Grund dafür ist die hohe Säureausscheidungskapazität der Nieren. Lediglich bei älteren Menschen oder bei Menschen mit eingeschränkter Nierenfunktion kann eine säurelastige Ernährung das Risiko einer Azidose erhöhen. Die eigentliche Ursache für die Azidose ist die Ernährung allerdings auch in diesem Fall nicht.

Folgende Listen geben einen Überblick und erleichtern die basische Ernährung:

Literatur:

  1. Larsen R. Störungen des Säure-Basen-Haushalts. Anästhesie und Intensivmedizin für die Fachpflege 2016; 822-831
  2. Onlineinformation der U.S. National Library of Medicine (MedlinePlus). Acidosis. https://medlineplus.gov/ency/article/001181.htm. Letzter Abruf: 09/2021
  3. Onlineinformation Medscape. Metabolic Acidosis Clinical Presentation. https://emedicine.medscape.com/article/242975-clinical. Letzter Abruf: 09/2021.
  4. Onlineinformation Medscape: Respiratory Acidosis Clinical Presentation. https://emedicine.medscape.com/article/301574-clinical. Letzter Abruf: 09/2021.
  5. Siener R. Einfluss der Ernährung auf den Säure-Basen-Haushalt. Ernährungs-Umchau 2006: 53:168-173

Das könnte Sie auch interessieren:

Muskelkater durch Übersäuerung

Übersäuerung der Muskeln (Azidose) | Symptome & Behandlung

Jede Betätigung der Muskeln erfordert Energie, die auf verschiedene Arten bereitgestellt werden kann. Nach längeren Anstrengungen – durch vermehrten Kraftaufwand oder durch Dauerbelastung – kann es zu einer Übersäuerung von Muskeln kommen. Diese Azidose deutet sich durch leichte Muskelschmerzen an und führt bei längerem Bestehen zu einer Leistungsminderung. Im Allgemeinen ist eine Übersäuerung der Muskeln harmlos, da sie sich nicht auf den gesamten Stoffwechsel auswirkt und vom Körper durch Regulierungsmaßnahmen kompensiert wird.

Weiterlesen
glückliche Frau

Basisch leben – wie geht das eigentlich?

Säuren sind ungesund und zu viel Säure kann auch krank machen – so viel steht fest. Basische Lebensführung lautet also die Devise, aber wie geht das eigentlich? Wie behalte oder bekomme ich meinen Säure-Basen-Haushalt in den Griff? Fälschlicherweise denken viele Leute, dass es sich bei einer basischen Lebensführung um eine Diät, um Lebensmittelverzicht und viele Verbote handelt. Das stimmt aber nicht. Basisch essen, leben und entspannen kann, wenn man weiß wie, richtig Spaß machen!

Weiterlesen