Wer das Wort „Übersäuerung“ in eine Suchmaschine eingibt, erhält fast 800.000 Treffer. Zahlreiche Bücher über Säuren, Basen und Ernährung bieten eine Fülle an Informationen zum Thema. Und jetzt auch noch dieser Ratgeber, muss das sein? Auf jeden Fall: Viele der Informationen, die das Internet zum Thema bereithält, stammen aus der Erfahrungsmedizin und entbehren oft jeglicher wissenschaftlichen Grundlage. Die Inhalte dieser Seiten entsprechen dem aktuellen Forschungsstand in der Medizin und sind jederzeit nachprüfbar.

Definition

Eine Übersäuerung wird als Azidose – oder Acidose (lat. acidus = Säure) – bezeichnet. Dabei wird in der Medizin eine wichtige Unterscheidung gemacht: akute Azidose oder chronische Azidose. Handelt es sich um eine akute Azidose, ist diese lebensbedrohlich und muss notfallmedizinisch behandelt werden. Dieser spezielle Fall einer Azidose ist hier zweitrangig. Der vorliegende Ratgeber befasst sich mit der chronisch latenten Azidose (CLA). Diese ist eine dauerhafte, schleichende Form der Übersäuerung in den Körperzellen und Organen. Dabei muss das Organ noch gar nicht sauer im chemischen Sinne sein, also einen kleineren pH-Wert als 7 aufweisen. Auch wenn die Basen, die als Gegenspieler die Säure abpuffern, aufgebraucht sind, spricht man bereits von einer CLA. Der Begriff stammt aus der Komplementärmedizin, also dem Zweig der Medizin, der die Schulmedizin ergänzen kann. Dazu gehören die Akupunktur, die Pflanzenheilkunde, aber auch die Säure-Basen-Therapie.

Symptome

Symptome einer chronischen Übersäuerung sind Antriebsschwäche, rasches Ermüden, Appetitlosigkeit, Muskel- und Gelenkbeschwerden und Probleme der Haut. Unter einer chronischen Übersäuerung leidet der gesamte Organismus. Jedes Organ drückt dies auf eigene Weise aus. Wir fühlen uns matt, leiden häufiger unter Müdigkeit. Auch ohne Belastung kommt es zu Schmerzen in den Gelenken. Der Nacken verspannt sich und die Haut neigt zu Juckreiz oder Unreinheiten. Diese Beschwerden können Anzeichen einer andauernden schleichenden Überbelastung des Organismus mit Säure sein. Wie sich eine latente Azidose erkennen lässt, können Sie hier nachlesen.

Ursachen

In der ersten Lebenshälfte wird der Organismus noch gut mit den Säureüberschüssen fertig. In späteren Jahren, wenn die Leistungsfähigkeit der Niere als Ausscheidungsorgan von Säure sinkt, kommt es häufig zu ersten Beschwerden, welche im weiteren Verlauf zu ernsthaften Beeinträchtigungen des Wohlbefindens führen können. Im Stoffwechsel fällt als „Abfallprodukt“ Säure an, zum Beispiel aus der Energiegewinnung, dies können wir nicht beeinflussen. Darüber hinaus entsteht Säure, wenn eiweißreiche Lebensmittel verstoffwechselt werden. Die überschüssige Säure wird mit Hilfe des körpereigenen Basenspeichers abgepuffert und auf diese Weise neutralisiert. Diese Puffersysteme sind von großer Bedeutung, weshalb der Körper über mehrere Puffersysteme verfügt. Die Niere ist das einzige Organ, das Säure aktiv ausscheiden kann. Wenn diese durch Krankheit oder Alter in ihrer Funktion gestört ist, besteht ein größeres Risiko für eine CLA.

Im Durchschnitt bestehen nur etwa 20 Prozent unserer Ernährung aus Basenbildnern wie Obst, Gemüse, Salat und Mineralwasser. Viel zu wenig, um die Basenspeicher zu füllen und so ein natürliches Säure-Basen-Gleichgewicht zu schaffen. Zu wenig körperliche Aktivität führt infolge unzureichender Durchblutung der Muskulatur zu Sauerstoffmangel wodurch zusätzlich Milchsäure gebildet wird.

Der pH-Wert der Nahrung selbst sagt nichts über ihre säure- oder basenbildenden Eigenschaften aus. Saure Zitrusfrüchte beispielsweise werden basisch verstoffwechselt. Eiweiß in Milchprodukten wird dagegen sauer verstoffwechselt. Für die Einteilung von basischen und sauren Lebensmitteln gibt es Lebensmittel, die auf dem PRAL (Potential Renal Acid Load) Rechenmodell basieren. Der PRAL-Wert von Lebensmitteln liefert hier eine genaue Aussage, da er genau den Vorgang der Verstoffwechselung berücksichtigt.

Eine weitere Ursache für Übersäuerung sind Diäten und Fastenkuren. Hier entstehen beim Fettabbau sogenannte Ketosäuren. Während einer Diät hat man also ein größeres Risiko für eine Übersäuerung.

Diagnose

pH-Teststreifen für den Urin sind in Bezug auf den Zustand des Säure-Basen-Haushalts nicht aussagekräftig. Sie messen nicht den Säurewert im Gewebe, sondern lediglich den des Urins, der je nach Tageszeit oder Ernährung sehr stark variieren kann. Außerdem erfassen sie nur einen Teil (ca. 1%) der ausgeschiedenen Säure. Nur ein Labortest kann den Säure-Basen-Status des Körpers zuverlässig bestimmen. Hier gehen die Meinungen allerdings auseinander: Teilweise wird behauptet, ein pH-Teststreifen reiche für eine Diagnose aus. pH-Teststreifen, mit denen ein Tagesprofil erstellt wird, können einen ersten Hinweis geben, ob ein Risiko für eine Übersäuerung besteht. Eine genaue Diagnose ist jedoch nicht möglich.

Auch Eva Unterberger vom Verband der Ernährungswissenschafter Österreichs (VEÖ) kritisiert die Messung des Harn-pH-Wertes als Diagnosewerkzeug: „Je nach Kostzusammenstellung liegt der pH-Wert des Harns zwischen 5 und 8, Harn ist also physiologischerweise sauer bis schwach basisch. Saurer Harn ist kein Hinweis auf eine Übersäuerung des Körpers, sondern Ausdruck dessen, wie gut die körpereigenen Eliminationssysteme funktionieren.“

Behandlung

In der Schule haben wir gelernt, dass eine Base eine Säure neutralisiert. Chemisch gesehen ist das auch richtig. Die Behandlung einer chronisch latenten Azidose verlangt allerdings ein behutsameres Vorgehen. Die beste und natürlichste Möglichkeit für einen ausgeglichenen Säure-Basen-Haushalt ist eine basenüberschüssige Ernährung. Also viel Obst und Gemüse im täglichen Speiseplan. Wenn sich allerdings bereits eine chronische Übersäuerung entwickelt hat, dann reicht eine Ernährungsumstellung meist nicht mehr aus. Hier gibt es dann verschiedene Basenpräparate, die eine Entsäuerungstherapie unterstützen können. Näheres dazu im Kapitel Basentherapeutika.